Wenn Inklusion zum Trumpf für die Logistik wird

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Wenn Inklusion zum Trumpf für die Logistik wird

Für Christian Pauli, Direktor Romandie von SWISS LOGISTICS by ASFL SVBL, bedeutet «einen Lernenden aufzunehmen nicht, eine Last zu übernehmen, sondern in die Kompetenzen und Talente von morgen zu investieren». Die Logistikbranche, die in der Schweizer Wirtschaft eine immer wichtigere Rolle spielt, braucht Arbeitskräfte. Die Berufsausbildung ermöglicht motivierten jungen Menschen, die Logistikberufe zu entdecken und sich darin auszubilden – unabhängig von ihrem beruflichen und persönlichen Werdegang.

Die Schweizerische Vereinigung für die Berufsbildung in der Logistik (ASFL SVBL) ist die Organisation der Arbeitswelt (OdA) für das Berufsfeld Logistik. Christian Pauli leitet dort die Aktivitäten für die Romandie: die Weiterentwicklung der Ausbildungen, die Präsenz vor Ort an Berufsmessen, die Beziehung zu den Ausbildungsbetrieben sowie die Partnerschaften mit den kantonalen Behörden und den auf berufliche Integration spezialisierten Organisationen.

Christian Pauli, Direktor Romandie SWISS LOGISTICS by ASFL SVBL

Christian Pauli, wie definiert SWISS LOGISTICS by ASFL SVBL Inklusion in der Logistik? Und welche konkreten Massnahmen setzen Sie zu ihrer Förderung um?

Für uns ist Inklusion kein Zusatz, sondern eine wirtschaftliche und gesellschaftliche Notwendigkeit. Auch wenn sich die Branche zunehmend automatisiert, werden wir immer Menschen brauchen, die bestimmte Aufgaben ausführen, Entscheidungen treffen, Prozesse steuern und ihr Fachwissen einbringen. Der Schweizer Logistik fehlt qualifizierter Nachwuchs; wir können es uns daher nicht leisten, auch nur ein einziges Talent zu verschenken – unabhängig von Werdegang, Alter, Geschlecht oder Herkunft..

Mit der Praktischen Ausbildung (PrA) Logistik nach INSOS unterstützen wir ein spezielles, zweijähriges Einstiegsprogramm für Jugendliche, die dem eidgenössischen Berufsattest (EBA) wegen Lern- oder Leistungsbeeinträchtigungen nicht – oder noch nicht – gewachsen sind.

Für Geflüchtete bieten wir die Integrationsvorlehre Logistik (INVOL) mit möglichem Anschluss als Logistiker/-in EBA oder bei sehr guter Qualifikation Logistiker/-in EFZ.

Was sind die grössten Hindernisse für Inklusion in der Berufsbildung Logistik, und wie arbeiten Sie daran, diese zu überwinden?

Das erste Hindernis bleibt das Image des Berufsfelds: Viele Eltern und Jugendliche denken noch an «Lastwagen und Lagerhalle», während die Logistik von heute Digitalisierung, internationales Flussmanagement und Automatisierung vereint. Logistiker/-innen bewegen nicht nur Waren, sondern arbeiten auch im Team und stehen im Austausch mit Kunden. Und das in den verschiedensten Branchen: vom Gesundheitswesen bis in die Industrie. Trotzdem sprechen die Berufe heute besonders Mädchen leider noch zu wenig an. 

Das zweite Hindernis ist struktureller Natur: Manche Ausbildungsbetriebe zögern noch, ihre Lehrstellen für untypische Profile zu öffnen – berufliche Neuorientierung, Fremdsprachige, Menschen mit leichter Beeinträchtigung – aus Mangel an Begleitung oder Orientierungspunkten. Wir begegnen dem auf zwei Arten: indem wir die Berufe für die breite Öffentlichkeit sichtbar und konkret machen, und indem wir die Unternehmen direkt begleiten, zum Beispiel durch die Vermittlung an regionale Stellen, die die Integration eines Lernenden mit zusätzlichem Unterstützungsbedarf fördern können.

Das dritte Hindernis schliesslich besteht darin, junge Menschen dazu zu motivieren, sich für eine Lehre zu entscheiden. Man muss ihnen also zeigen, dass das Erlernen eines Berufs im Rahmen einer konkreten Ausbildung, die Theorie und Praxis verbindet, eine echte Chance sein kann.

Können Sie ein Beispiel eines Projekts von SWISS LOGISTICS by ASFL SVBL nennen, das den Zugang zu Ausbildung oder Beschäftigung für unterrepräsentierte Gruppen verbessert hat?

Auf jeden Fall die bereits genannten Einstiegsprogramme, die Praktische Ausbildung (PrA) nach INSOS und die Integrationsvorlehre Logistik. Darüber hinaus sind wir an den verschiedenen Berufsmessen präsent. Wir gehen dort direkt auf die Jugendlichen zu und bieten ihnen interaktive Aktivitäten, Simulatoren, virtuelle Realität oder logistikbezogene Spiele an. So erreichen wir Jugendliche, die eine Logistikausbildung vielleicht nie in Betracht gezogen hätten und zeigen ihnen konkret die beruflichen Perspektiven. Wir haben auch die Vermittlung zwischen Ausbildungsbetrieben und regionalen Arbeitsvermittlungsstellen unterstützt, um ältere Kandidatinnen und Kandidaten oder Personen in beruflicher Umorientierung zu integrieren – ein Publikum, das von den klassischen Lehrwegen zu oft ausgeschlossen wird.

Wie sensibilisiert SWISS LOGISTICS by ASFL SVBL Unternehmen und Ausbildende für die Bedeutung von Inklusion in der Logistik?

Wir stehen in ständigem Kontakt mit dem Netzwerk der Ausbildungsbetriebe, insbesondere über unsere Berufskommissionen und unsere regionalen Treffen. Unsere Botschaft ist einfach: Wer nach Motivation und Potenzial rekrutiert statt nach einem «perfekten» Lebenslauf, erweitert den Kandidatenpool und verringert die Nachwuchsprobleme. Manche Unternehmen denken, ein Jugendlicher müsse schon bei seiner Ankunft wie eine erfahrene Fachkraft arbeiten können. Doch Lernende sind genau dazu da, zu lernen.

Wir organisieren auch Erfahrungsaustausch zwischen Ausbildenden, um Best Practices bei der Integration vielfältiger Profile zu teilen und sensibilisieren die Unternehmen für die verfügbaren Hilfen und Partner, wenn eine spezifische Begleitung erforderlich ist.

Wie arbeitet SWISS LOGISTICS by ASFL SVBL mit lokalen Partnern (wie regionalen oder kantonalen Ämtern) zusammen, um die Inklusion in der Logistikausbildung zu stärken?

Diese Zusammenarbeit steht im Zentrum unseres Handelns. Wir arbeiten mit den Berufsberatungsstellen, den regionalen Arbeitsvermittlungsstellen (RAV) und den kantonalen Berufsbildungsämtern zusammen, um Menschen in die für ihre Situation passenden Logistikwege zu lenken. Für Gruppen mit besonderem Begleitungsbedarf stützen wir uns auf das Know-how spezialisierter Organisationen wie der Orif, INSOS oder IPT – Intégration pour tous – die seit langem die berufliche Eingliederung von Menschen mit Behinderung in der Suisse romande begleiten.

Unsere Rolle ist es, die Tür zur Logistikbranche als Ausbildungsbranche zu öffnen und den Weg zu einer Lehre oder Anstellung zu erleichtern, sobald eine Kandidatin oder ein Kandidat bereit dazu ist.

Diese Partnerschaften erlauben es uns zudem, die Bedürfnisse vor Ort zu antizipieren: Jeder Kanton hat seine Eigenheiten, und nur durch die enge Zusammenarbeit mit den lokalen Akteuren gelingt es uns, passende Lösungen anzubieten – sei es für Jugendliche nach der obligatorischen Schulzeit, Erwachsene in beruflicher Umorientierung oder Personen mit Beeinträchtigung.

Welche Ratschläge würden Sie einem Unternehmen oder einem Ausbildungszentrum geben, das seine Programme inklusiver gestalten möchte?

Mein erster Rat ist, die Auswahlkriterien zu überdenken: Motivation, Regelmässigkeit und Lernfähigkeit zählen oft mehr als ein makelloses Schuldossier. Manche Unternehmen, auch grosse Schweizer Institutionen, haben bei der Rekrutierung von Lernenden sehr hohe Ansprüche. Ich kann diese Logik verstehen: Sie möchten einen gewissen Standard halten und sicherstellen, dass die Person der Ausbildung folgen kann. Aber andererseits brauchen manche Menschen einfach mehr Zeit, um Erklärungen zu verstehen, das Gelernte in die Praxis umzusetzen und Fortschritte zu machen.

Man muss auch anerkennen, dass Ausbildungsbetriebe, Berufsfachschulen und Institutionen wie die unsere manchmal mit den Folgen von Schwierigkeiten umgehen müssen, die nicht früher gelöst wurden, sei es im schulischen oder familiären Werdegang. Der zweite Rat ist daher, Betroffene zu begleiten. Das kann den Unterschied zwischen einem Abbruch und einem Erfolg ausmachen.

Schliesslich empfehle ich, Menschen den Beruf entdecken zu lassen, bevor man über ihre Eignung urteilt: Ein Schnuppertag oder ein Probepraktikum verändert oft die Wahrnehmung komplett, sowohl für die Kandidatin oder den Kandidaten als auch für das Unternehmen. Die Vorlehre ermöglicht ebenfalls, einen Beruf zu entdecken und sich auf eine Ausbildung vorzubereiten. Danach kann man mit einem EBA weitermachen und später über eine Passerelle zum EFZ zu wechseln. Die Möglichkeiten sind zahlreich, man sollte also nicht zögern und den Schritt wagen!

Welche Vision haben Sie für die Zukunft der Inklusion in der Berufsbildung Logistik in der Schweiz, und welche Rolle will Ihre Organisation dabei spielen?

Die Logistik verändert sich mit der Digitalisierung und Automatisierung rasch, was Raum für vielfältigere Profile schafft: Man braucht technische, analytische und zwischenmenschliche Kompetenzen, nicht nur körperliche Kraft. Die Logistik ist vor allem eine Kombination aus Mensch und Maschine. Deshalb bleibt der Beruf der Logistikerin/des Logistikers ein Zukunftsberuf.

Es wird auch nötig sein, die Integrationsbemühungen fortzusetzen. Ich habe vor kurzem an einer Sitzung zur Integration von Menschen mit Migrationshintergrund, insbesondere Geflüchteten, in Vorlehrgänge teilgenommen. Diese Menschen können sich als besonders motiviert erweisen und möchten in ihrer Ausbildung weiterkommen.

Unser Ziel ist, dass SWISS LOGISTICS by ASFL SVBL zu einer Brücke zwischen den Unternehmen, den öffentlichen Institutionen und den Menschen wird, die sich in dieser Branche heute noch nicht als legitim empfinden. Wir möchten, dass sich alle fragen: «Was kann mir diese Branche bieten?»

Interview: Léa Stocky